Wenn Werbung dich liebt – aber du nur noch fliehen willst
Es gibt Werbung, die informiert. Es gibt Werbung, die unterhält. Und dann gibt es Werbung, die sich so fest in dein Trommelfell krallt, dass du beim Einkaufen plötzlich aus Trotz den Supermarkt wechselst.
Nehmen wir als Fallstudie den Slogan „REWE – da komm ich her, da geh ich hin.“ Ein Satz wie eine Umarmung aus der Lautsprecheranlage. Warm. Vertraut. Heimatlich. Nach dem 347. Mal fühlt es sich allerdings weniger nach Heimat an und mehr nach akustischem Hausarrest. Irgendwann sitzt man beim Abendessen, schaut in seinen Joghurt und hört es flüstern: „Da komm ich her…“ – und man weiß nicht mehr, ob es die Stimme der Marke oder die eigene innere Verzweiflung ist.
Das Paradoxe: Je stärker die Kampagne betont, dass man „dazugehört“, desto größer wird der Impuls, demonstrativ woanders einzukaufen. Nicht aus Hass. Sondern aus Selbstschutz. Man möchte einfach nicht Teil einer akustischen Schicksalsgemeinschaft sein.
Und dann gibt es Hashtag-Kampagnen wie #SexyNotSorry. Der Gedanke dahinter: Empowerment! Selbstbewusstsein! Befreiung! Die Umsetzung: ein algorithmischer Dauerbeschuss mit perfekt ausgeleuchtetem Trotz. Nach dem fünften Clip fragt man sich leise, ob Selbstermächtigung wirklich bedeutet, mir alle 12 Sekunden zu sagen, dass ich mich gut fühlen soll.
Werbung, die zu sehr „challengen“ will, wirkt oft wie ein Motivationscoach, der dich anschreit, während du nur Milch kaufen wolltest. „Trau dich!“ – „Sei du selbst!“ – „Brich Regeln!“ Ja, danke. Aber vielleicht möchte ich einfach nur Zahnpasta.
Das Problem ist nicht die Botschaft. Es ist die Lautstärke der Botschaft. Wenn Marken anfangen, wie Lebensberater zu sprechen, entsteht ein seltsamer Effekt: Man fühlt sich weniger verstanden – und mehr betreut. Und niemand möchte beim Kauf von Tiefkühlpizza betreut werden.
Psychologisch passiert etwas Faszinierendes: Das Gehirn entwickelt eine Art Werbe-Trotzreflex. Je mehr ein Slogan Wiedererkennungswert hat, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn irgendwann mit einem leichten Zucken im Auge verbindet. Markenbindung kippt in Markenflucht. Aus „Da gehör ich hin“ wird „Da geh ich lieber nicht hin“.
Natürlich funktioniert das alles trotzdem. Wir erinnern uns. Wir zitieren es ironisch. Wir summen es unter der Dusche. Werbung, die nervt, ist wie ein Ohrwurm mit Marketingabschluss: Man hasst ihn – aber man kennt ihn.
Vielleicht ist das die eigentliche Strategie. Nicht geliebt zu werden, sondern unausweichlich zu sein. Nicht Zustimmung zu erzeugen, sondern Präsenz. Wer permanent im Kopf bleibt, gewinnt. Selbst wenn der Kopf sich beschwert.
Und während wir also demonstrativ sagen, dass uns diese Kampagnen auf die Nerven gehen, stehen wir an der Kasse, legen unsere Einkäufe aufs Band – und irgendwo im Hintergrund flüstert eine Stimme:
„Da komm ich her…“
Wir zucken kurz.
Und zahlen trotzdem.