Mich gibt es nicht!

Mich gibt es nicht
Mich gibt es nicht

Unsichtbar im Stadtbild – Wie wir Obdachlosigkeit ignorieren und auslagern

Morgens auf dem Weg zur Arbeit: Coffee-to-go in der Hand, Kopfhörer im Ohr, Blick geradeaus. Am U-Bahnhof liegt jemand im Schlafsack. Wir sehen ihn – und gleichzeitig auch nicht. Ein kurzer innerer Dialog („Habe gerade kein Kleingeld“), dann ein minimaler Schlenker um die Isomatte herum. Weiter geht’s.

Obdachlosigkeit ist in vielen Städten kein Randphänomen mehr, sondern Teil des Alltagsbildes. Und doch behandeln wir sie wie einen temporären Systemfehler: sichtbar, aber bitte nicht störend. Statt zu fragen, warum Menschen auf der Straße leben, optimieren wir unsere Fähigkeit, sie zu übersehen.

Die Kunst des Wegschauens

Ignorieren ist eine soziale Technik. Sie funktioniert geräuschlos. Man vermeidet Blickkontakt, beschäftigt sich auffällig mit dem Handy oder vertieft sich plötzlich in die Architektur eines Gebäudes, das man seit zehn Jahren täglich passiert.

Dieses Wegschauen schützt vor Überforderung. Denn hinschauen würde bedeuten, sich mit unbequemen Fragen zu befassen: Wie kann es sein, dass in wohlhabenden Gesellschaften Menschen im Winter draußen schlafen? Warum reichen soziale Netze nicht aus? Und was hat das mit politischen Entscheidungen, Mietpreisen, psychischer Gesundheit oder Arbeitsbedingungen zu tun?

Ignorieren vereinfacht. Es verwandelt strukturelle Probleme in individuelle Schicksale. „Der wollte wohl nicht anders“, heißt es dann. So wird aus einem komplexen Geflecht aus Armut, Krankheit, Sucht, fehlendem Wohnraum und Bürokratie eine persönliche Geschichte – und damit vermeintlich nicht mehr unser Thema.

Ghettoisierung – räumlich und gedanklich

Wo Ignorieren nicht mehr funktioniert, folgt oft Verdrängung. Städte installieren „defensive Architektur“: Bänke mit Mittelstreben, damit niemand darauf schlafen kann; Eingänge mit Spikes; Musikbeschallung in Durchgängen. Das Problem verschwindet nicht – es wird nur verlagert.

So entstehen unsichtbare Zonen: bestimmte Plätze, Unterführungen oder Randgebiete, die als „Szene-Ecken“ gelten. Obdachlosigkeit wird räumlich konzentriert und sozial isoliert. Wer dort lebt, wird nicht mehr als Teil der Stadt wahrgenommen, sondern als Störung in einem abgegrenzten Bereich.

Diese Ghettoisierung findet auch im Kopf statt. „Die da“ auf der Straße – „wir hier“ mit Wohnung und Versicherung. Eine klare Trennung, die beruhigt. Sie schafft Distanz und verhindert, dass wir Parallelen erkennen: prekäre Jobs, steigende Mieten, Krankheit, Trennung – oft reichen wenige Schritte, um selbst ins Rutschen zu geraten.